1. Helmut hat heute Frühschicht
- Susan Richter
- 8. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Nov. 2025
Ich wache auf, noch bevor der Wecker klingelt. Das allein wäre schon verdächtig, aber heute spüre ich sofort:
Helmut ist wach. Und motiviert.
Er hat offensichtlich beschlossen, die Frühschicht zu übernehmen.
Meine rechte Hand zuckt wie ein schlecht gelaunter DJ im Feierabendverkehr, mein Bein vibriert wie ein Handy auf Koffein – und mein erster Gedanke ist nicht etwa Guten Morgen, Welt, sondern:
“Na super.”
Während mein linkes Auge langsam versucht, sich in die Realität zu schalten, führt Helmut bereits seinen Solo-Tanz auf. Ich stelle mir vor, wie er im goldenen Bademantel vor einem Spiegel steht, mit einem Mikrophon aus Nervensignalen:
„Guten Morgen, liebe Mitbewohnerin – hier ist dein täglicher Kontrollverlust!“
Operation: Tee
Ich schleppe mich in die Küche. Links zieht, rechts zittert.
Loki folgt mir schweigend. Wie immer. Seine einzige Reaktion ist ein schiefer Blick – halb Mitleid, halb stille Anklage:
„Du weißt, dass du den Teebeutel wieder daneben werfen wirst, oder?“
Ich ignoriere ihn. Konzentriere mich. Eine Choreografie aus Greifen, Gießen, Atmen.
Fast geschafft.
Der Wasserkocher blubbert wie eine Cheerleadergruppe auf Valium.
Ich gieße den Tee ein –
und verschütte genau drei Finger breit über die Arbeitsfläche.
Helmut kichert in meinem Kopf. Stefanie (die sich in solchen Momenten ungefragt dazuschaltet) murmelt:
„Nicht ärgern. Nur beobachten.“
Beobachten?
Ich habe gerade eine aromatische Lavendellache auf meiner Theke veranstaltet.
Ich will nicht beobachten. Ich will fluchen.
Stefanie in Slow Motion
Stefanie, mein innerer Zen-Coach, meldet sich jetzt vollumfänglich. Natürlich in Zeitlupe.
„Susan… atmen… du bist nicht das Zittern… du bist der Raum dazwischen…“
Ich bin mir nicht sicher, ob sie meine innere Stimme ist oder ein Audioguide für spirituell überforderte Menschen mit Neuroproblemen.
Ich murmele: „Ich bin der Raum zwischen zwei Zuckungen? Wow. Nobelpreiswürdig.“
Loki schweigt. Wie immer.
Er hat sich unter den Tisch gelegt. Beine gestreckt, Kopf auf den Pfoten, der Blick Richtung Weltuntergang.
Er sagt nichts – aber ich schwöre, ich höre ihn denken:
„Wenn du jetzt wieder deine Yogamatte ausrollst, ziehe ich offiziell aus.“
Und trotzdem.
Ich sitze da. Mit meinem halb verschütteten Tee.
Der Körper zittert. Die Wut kommt kurz hoch – aber sie bleibt nicht lange. Stefanie hat recht. Wut kostet Kraft.
Und Helmut?
Der wird nicht leiser, aber ich höre genauer hin.
Er ist nicht das Ende der Geschichte.
Er ist nur ein verdammt lauter Nebensatz.
Fazit: Was hab ich gelernt?
Helmut hat keine Snooze-Taste.
Tee ist auch in Pfützenform heilsam.
Stefanie ist mein persönlicher ZEN-MP3-Player.
Loki ist die stoischste Lebenshilfe der Welt.
Ich kann fluchen, lachen und trinken – gleichzeitig.
Und ja – ich lebe. Sogar vor dem Frühstück.
Nächste Folge?
„Loki und die Kunst der stillen Verurteilung“

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